KI-Schock für die Software-Branche
Eine neue Generation von KI-Agenten entwickelt sich für die Software-Industrie zu einer ernstzunehmenden Herausforderung – das klassische Lizenzmodell gerät zunehmend unter Druck. An den Kapitalmärkten sind die Auswirkungen bereits deutlich sichtbar: Zahlreiche Software-Aktien verzeichnen spürbare Kursverluste. In diesem Beitrag erläutern wir, wie die neuen KI-Werkzeuge funktionieren, weshalb sie bestehende Geschäftsmodelle infrage stellen könnten und worauf bei Software-Aktien nun besonders zu achten ist.
Was ist passiert?
Die Software-Branche durchlebt turbulente Zeiten. Seit Mitte Januar sind die Aktienkurse vieler Unternehmen extrem unter Druck. Selbst global agierende Software-Giganten wie Salesforce, Adobe oder auch SAP verzeichnen zweistellige Kursverluste. Ursache ist die Veröffentlichung neuester KI-Werkzeuge, welche in Sachen Künstlicher Intelligenz und ihren Einsatzmöglichkeiten eine bislang unbekannte Qualität zeigen. Damit hat sich der Ton an der Börse spürbar gedreht. Statt der bislang postulierten Annahme, dass der Großteil der Unternehmen von Künstlicher Intelligenz profitieren werde, geht es nun vermehrt darum, welche Geschäftsmodelle durch KI gefährdet sind – und zu den Verlierern werden momentan v. a. Software-Unternehmen gezählt.
Doch was macht die neuen KI-Modelle so besonders? Die Antwort: Die Systeme markieren den endgültigen Übergang von der generativen Künstlichen Intelligenz hin zu sogenannten KI-Agenten. Diese können nicht mehr nur immer bessere Texte schreiben, sondern als digitale Arbeitsassistenten („Agenten“) ganze Aufgabenketten eigenständig erledigen und dabei direkt mit ihren digitalen Umgebungen interagieren. Es können sogar einzelne automatisierte „KI-Teams“ zusammenarbeiten und sich wie reale Kolleginnen und Kollegen untereinander abstimmen. Ein Agent entwickelt beispielsweise einen Plan, der nächste programmiert ihn, während ein dritter die Ergebnisse unmittelbar auf Fehler prüft. Der vierte sorgt schließlich dafür, dass das Programm „live“ geht und funktioniert. All das geschieht automatisiert und im Hintergrund. Dabei können sie Ziele über Stunden hinweg verfolgen. Wenn ein Teilschritt scheitert, wird der Fehler erkannt, eine alternative Strategie entworfen und die Arbeit entsprechend fortgesetzt. Das ist für viele Außenstehende noch wenig sichtbar, verändert aber bereits die tägliche Arbeit von Entwicklerteams. Bemerkenswert ist auch, dass bestehende führende KI-Modelle selbst bei der Programmierung der nächsten Generation mithelfen. Dadurch beschleunigt sich der Fortschritt weiter.
Die Sorge der Investoren
Die Sorge nicht nur unter Investoren ist nun, dass dieser technische Fortschritt für die Software-Branche ein strukturelles Problem darstellt. Über ein Jahrzehnt lang war ihr Geschäftsmodell die „Seat-Economy“: Man verkaufte Unternehmen Lizenzen pro Nutzer, damit Mitarbeiter die jeweiligen Software-Lösungen anwenden. Doch wenn künftig zum Teil KI-Agenten die Arbeit erledigen, könnte es nicht mehr entscheidend sein, wie viele Menschen eines Unternehmenskunden eine Software bedienen, sondern wie viel Arbeit die Software tatsächlich abnimmt. Der reine Nutzen würde viel stärker in den Vordergrund rücken – und die Rechtfertigung für das klassische Lizenz- oder Abo-Gebührenmodell verschwinden.
Die Software-Branche steht damit vor einer ökonomischen Zerreißprobe. Einerseits müssen die Unternehmen in neue KI-Lösungen investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben, was die Margen belastet. Andererseits wird das Abo-basierte Gebührenmodell zunehmend infrage gestellt. Hinzu kommt: Die Konkurrenz wächst, weil Programmieren schneller automatisierbar wird und selbst kleinere Entwicklerteams schnell funktionsfähige Anwendungen bauen können. Das macht Anleger nervös.
Andererseits ist auch klar: Software wird nicht verschwinden. Wo Software-Lösungen tief in Kernprozessen verankert sind, können diese nicht über Nacht durch KI-Agenten ersetzt werden.
Was Anleger nun beachten sollten
Der jüngste Ausverkauf ist von einem starken Pessimismus über die Auswirkungen neuer KI-Produkte auf Unternehmen und Märkte geprägt. Der Markt stört sich nicht an der kurzfristigen operativen Entwicklung im Softwaresektor, sondern stellt sich die Frage: „Was ist das Unternehmen in zehn, fünfzehn Jahren noch wert?“. Da die langfristigen Auswirkungen von KI noch unklar sind, führt die gestiegene Unsicherheit zu niedrigeren Bewertungsmultiplikatoren bei den betroffenen Unternehmen. Wichtig ist daher, die Nachhaltigkeit der Geschäftsmodelle zu hinterfragen. Viele Anbieter müssen ihre Produkte und Gebührenmodelle erst neu ausrichten, einige werden daran scheitern. Einige von ihnen könnten angesichts der aktuellen Marktschwäche langfristig attraktive Investitionsmöglichkeiten bieten.
Im Software-Bereich haben jene Unternehmen einen Vorteil, die in den Kernprozessen ihrer Kunden verankert sind, eigene, wertvolle Daten besitzen, KI sinnvoll und nachvollziehbar in bestehende Produkte einbinden und bei Regulierung, Sicherheit und Haftung höchsten Anforderungen standhalten. Dagegen ist bei Geschäftsmodellen ohne klares Alleinstellungsmerkmal höchste Vorsicht geboten.
KI ist Chance und Risiko zugleich. Daher ist die Streuung eines Portfolios in diesem Umfeld besonders wichtig. Eine breite Diversifikation über verschiedene Branchen und Unternehmen reduziert das Risiko, von einem einzelnen „KI-Verlierer“ überproportional getroffen zu werden. Viele Unternehmen der klassischen „Old Economy“, etwa Energieversorger oder Teile der Industrie, sind zudem kaum anfällig für eine schnelle Verdrängung durch KI. Sie arbeiten in stark regulierten Bereichen, besitzen langlebige physische Anlagen und erbringen Leistungen, die sich nicht einfach digital ersetzen lassen. Manche profitieren sogar indirekt vom KI-Boom, beispielsweise über einen steigenden Strombedarf für Rechenzentren. Kurz gesagt: Diversifikation bleibt entscheidend im KI-Zeitalter.
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