Was der Januar über das Börsenjahr aussagt
Kaum ein Börsenmonat wird so aufmerksam verfolgt wie der Januar. Doch wie aussagekräftig ist er wirklich? Zwischen markttechnischen Effekten, historischen Anomalien und hartnäckigen Mythen zeigt sich: Der Jahresauftakt sendet Signale – aber keine Orakel.
Die Börse liebt Faustregeln. Eine der populärsten lautet: „Wie der Januar, so das Jahr.“ Gerade nach dem vielversprechenden Auftakt in diesem Jahr werden viele Anleger wieder auf ein gutes Börsenjahr 2026 setzen. Schließlich suggeriert das sogenannte Januar-Barometer, dass die Rendite im Januar den weiteren Jahresverlauf der Aktienmärkte vorzeichnet. Doch stimmt das überhaupt? Die Antwort ist ein klares Jein. Denn ein Blick auf die Daten zeigt ein differenziertes Bild: Ein positiver Januar korreliert zwar historisch mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit für ein freundliches Gesamtjahr, doch der Zusammenhang ist eher profan.
Geprägt wurde der Begriff „January Barometer“ in den 1970er‑Jahren durch den US-amerikanischen Börsenhistoriker und Autor Yale Hirsch, der vor allem als Pionier der saisonalen Marktanalyse bekannt wurde. In der Folge gab es immer wieder Analysen, wonach das Januar-Barometer tatsächlich eine hohe Trefferquote aufweist. Einer Studie zufolge lag der Indikator zwischen 1950 und 2021 nur elf Mal „falsch“, was einer Trefferquote von rund 84 Prozent entspricht. Allerdings steigen Aktienmärkte in der Mehrzahl der Jahre ohnehin, in den USA zum Beispiel in mehr als 70 Prozent aller Jahre. Ähnlich sieht es beim DAX aus, der von den vergangenen 25 Jahren 19 im Plus beendete, nur sechs Mal beendete er das Jahr mit roten Vorzeichen.
Der Eindruck einer hohen „Trefferquote“ daher relativ zu sehen. Einen „geheimnisvollen“ Zusammenhang aus einem starken Jahresauftakt und einem positiven Gesamtjahr lässt sich aus den Daten nicht rauslesen. Vielmehr ist es so: Ein guter Januar bildet Momentum ab, setzt aber keinerlei fundamentale Impulse. Das Umgekehrte gilt genauso: Ein schwacher Januar schließt ein gutes Jahr nicht aus. Immer wieder gab es Marktphasen, in denen ein enttäuschender Jahresauftakt im weiteren Verlauf durch verbesserte Unternehmensgewinne, rückläufige Inflation oder unerwartet robuste Konjunkturdaten kompensiert wurde.
Besser nicht auf saisonale Muster setzen
Neben dem „January Barometer“ wird häufig auch der „January Effect“ thematisiert. Hierbei handelt es sich um ungewöhnlich hohe Kursgewinne, die in den ersten Tagen des neuen Jahres vor allem bei Small Caps zu beobachten waren. Die Gründe dafür liegen in bestimmten Marktmechanismen, wie zum Beispiel steuerlich motivierte Verkäufe von Verlustbringern im Dezember. Diese Aktien werden im Januar häufig wieder zurückgekauft. Auch frisches Kapital aus Bonuszahlungen, das Anfang des Jahres investiert werden will, oder Bilanzkosmetik institutioneller Anleger spielten lange Zeit eine Rolle. Doch das war einmal. Mit der zunehmenden Professionalisierung der Märkte und durch Arbitrageprozesse wurde der „January Effect“ in den vergangenen Jahren weitgehend neutralisiert. In großen, liquiden Indizes lässt er sich heute kaum noch nachweisen.
Noch weniger Aussagekraft besitzen Kurzsignale wie der erste Handelstag, die ersten fünf Tage oder die erste Kalenderwoche. Zu Jahresbeginn überlagern technische Faktoren das Kursgeschehen: Rebalancing großer Portfolios, taktische Umschichtungen nach dem Jahresende, die Einpreisung erster makroökonomischer Daten zu Inflation, Arbeitsmarkt oder Unternehmensgewinnen. Diese Einflüsse prägen die Marktmechanik zum Jahresanfang, lassen aber keine Rückschlüsse darauf zu, wie sich Zinsen, politische Rahmenbedingungen oder fundamentale Unternehmensdaten im restlichen Verlauf entwickeln werden.
Für Anlegerinnen und Anleger bedeutet dies, dass eine solide Anlageentscheidung niemals auf saisonalen Regeln beruhen sollte. Ein positiver Januar ist ein erfreuliches Signal. Er deutet auf intakte Liquiditätsbedingungen und ein konstruktives Sentiment hin, doch er ersetzt keine gründliche Analyse der Realwirtschaft, der Unternehmensgewinne oder der Bewertungsniveaus. Ebenso wenig ist ein schwacher Beginn ein Grund, panisch zu reagieren. Wer sich zu stark an Kalenderphrasen orientiert, läuft Gefahr, ausgerechnet jene Erholungsphasen zu verpassen, in denen sich fundamentale Trends wieder verbessern. Eine robuste und konsistente Investmentstrategie bleibt daher eine Frage von Datenqualität, analytischer Disziplin und Prozesssicherheit – nicht von statistisch dünnen Saisonmustern.