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1 Februar 2023

Wie glaubwürdig ist der Kampf der EZB gegen die Inflation?

Viele Finanzexpert:innen hatten im Frühling letzten Jahres angesichts der steigenden Inflation die zurückhaltende Zinspolitik der EZB kritisiert und die Anhebung der Leitzinsen gefordert. Seit dem Jahr 2011 verfolgte die EZB eine expansive, lockere „Tauben“- Geldpolitik, seitdem hatte es keine Zinsanhebungen im Euroraum gegeben. Im Jahr 2016 wurden die Leitzinsen sogar auf 0 Prozent gesenkt. Im Juni 2022 folgte dann die Kehrtwende zur „Falken“-Geldpolitik, die in erster Linie das Ziel einer stabilen Inflation verfolgt. Die Notenbanken mussten reagieren, um nicht ihre Glaubwürdigkeit zu verlieren. Denn neben der Erhaltung der Geldwertstabilität gehört zu ihren dringendsten Aufgaben, die Gesamtwirtschaft und Beschäftigung im Blick zu behalten. Der EZB-Rat gab bekannt, dass er ab Juli schrittweise Zinsanhebungen entscheiden werde. Seitdem steht er vor der schwierigen Entscheidung, das richtige Maß zu finden. Er hat sich zum Ziel gesetzt, mittelfristig ein Ziel von 2 Prozent Inflation zu erreichen. Die Rekordinflation, die zwischenzeitlich gut fünfmal so hoch war wie das Inflationsziel der EZB, ist und bleibt ein gutes Argument dafür, den Leitzins anzuheben. Trotz des erheblichen Rezessionsrisikos innerhalb der ohnehin schwächelnden europäischen Volkswirtschaften.

Zuletzt hat der EZB-Rat im Februar beschlossen, die drei Leitzinssätze der EZB um jeweils weitere 50 Basispunkte anzuheben. Dementsprechend liegen nun die Zinssätze für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte sowie die Spitzenrefinanzierungsfazilität und die Einlagefazilität bei 3,00Prozent, 3,25 Prozent bzw. 2,50 Prozent. Weitere Erhöhungen sind geplant, um ein ausreichend restriktives Niveau zu erreichen, das eine zeitnahe Rückkehr der Inflation zum mittelfristigen 2-Prozent-Ziel gewährleistet. Der EZB-Rat geht davon aus, dass ein restriktives Zinsniveau im Laufe der Zeit die Inflation senken wird, indem es die Nachfrage dämpft. Viele Notenbankchefs unterstützen den Falken-Kurs.

Im Januar stellte sich heraus, dass die Löhne in der Eurozone schneller als erwartet steigen. Diese im Grunde positive Entwicklung könnte jedoch die bereits hohe Inflation weiter antreiben. Deshalb hatte EZB-Präsidentin Christine Lagarde bereits eine weitere Anhebung um einen halben Prozentpunkt für die Februar-Sitzung des EZB-Präsidiums angekündigt, um eine Lohn-Preis-Spirale zu vermeiden. Aufgrund des Mangels an qualifizierten Arbeitskräften wollen Unternehmen ihre Mitarbeitenden nicht verlieren und sind willens, entsprechend gute Löhne zu zahlen. EZB-Chefvolkswirt Philipp Lane schätzt, dass es mehrere Jahre dauern wird, bis sich die Löhne und Gehälter vollständig an die jüngsten Schocks angepasst haben. Die erwartete Konjunkturabschwächung im Euroraum und die Unsicherheit über die wirtschaftlichen Aussichten werden wahrscheinlich einen Abwärtsdruck auf das Lohnwachstum ausüben.

Vorerst scheint die aktuelle Entwicklung den Entscheidungen des EZB-Rates Recht zu geben: Die Inflation im Euroraum ist wieder auf einstelliges Niveau gesunken. In Deutschland lag die Inflationsrate im Dezember 2022 dank der Dezember-Soforthilfen bei +8,6 Prozent. Im November 2022 lag sie bei +10,0 Prozent, im Oktober bei +10,4 Prozent. Angesichts der außergewöhnlichen Unsicherheit haben die Expert:innen des Eurosystems ihre Inflationsprognosen deutlich nach oben korrigiert. Es wird erwartet, dass die Inflation von durchschnittlich +7,9 Prozent im Jahr 2022 auf +6,3 Prozent im Jahr 2023 und +3,4 Prozent im Jahr 2024 zurückgehen wird. Erst im Jahr 2025 rechnen die Expert:innen mit 2,3 ProzentInflation. Es wird sich also zeigen müssen, ob die auf dem Papier „hawkischste“ Zentralbank der Welt es schafft, das Primärziel mittelfristig zu erreichen.

In diesem Zusammenhang empfehlen wir, rückblickend unseren Blogbeitrag vom 01. Juli 2022 zu lesen, der sich mit der Frage beschäftigte, ob Zinserhöhungen die Inflation stoppen können.

 

Bildquelle: Guillaume Perigois via unsplash.com